Anlocken & Abzocken: Warum treue Stromkund*innen oft draufzahlen
Hinter vielen Stromtarifen mit günstigen Einstiegskonditionen steckt meist kein glückliches Schnäppchen – sondern eine bewusste Masche. Unsere neue, gemeinsame Studie mit der RWTH Aachen zeigt, wie massiv Energieversorger nach dem ersten Vertragsjahr die Preise anziehen. Warum dich Treue bis zu 492 Euro pro Jahr kosten kann, wie du dich davor schützt und warum dahinter auch ein politisches Problem steckt, zeigen wir dir hier.
12. März 2026
|Wenn günstige Tarife teurer werden
Viele Energieanbieter nutzen die „Anlocken & Abzocken“-Taktik: Sie locken Neukund*innen mit niedrigen Einstiegspreisen an, die sich nach Ablauf der Preisgarantie drastisch erhöhen. Dieser Trick ist zwar legal, aber extrem unfair und schwer durchschaubar. Vergleichsportale fördern diesen Wettbewerb um günstige Einstiegsangebote, die sich nachträglich verteuern.
Und während sich Neukundenpreise eng an den Entwicklungen am Energiemarkt orientieren, steigen die Kosten für Bestandskund*innen fast komplett unabhängig davon. Die Begründung der Anbieter für die Preiserhöhungen sind meist pauschal: Beschaffungs- und Vertriebskosten sowie Netzentgelte sind die häufigsten angegebenen Gründe. Doch diese spiegeln meist nicht die tatsächliche Entwicklung am Strommarkt wider.
Unsere gemeinsame Studie mit der RWTH Aachen
Gemeinsam mit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen haben wir in einer Studie aus dem Jahr 2025 insgesamt 2.370 Schreiben von Energieversorgern an ihre Kund*innen ausgewertet.
In diesem informierten die Stromanbieter über Preisanpassungen.
Besonders interessant: Bisher waren die exakten Strompreise von Bestandkund*innen reines Glaskugellesen. Unsere Studie liefert zum ersten Mal verlässliche Zahlen und zeigt, was nach dem ersten Vertragsjahr passiert – also genau in dem Moment, wenn Neukund*innen durch anhaltende Treue zu Bestandskund*innen werden.
Die Ergebnisse sind eindeutig: Bei 3 von 4 Stromverträgen – insgesamt bei bis zu 30 Millionen Haushalten in Deutschland – steigen die Preise nach dem ersten Vertragsjahr. Bestandskund*innen zahlen durchschnittlich 47 % mehr als Neukund*innen. Im Vergleich zu Neukundenpreisen sind das stolze 11 Milliarden Euro, die treue Kund*innen 2025 zu viel zahlten.
Nach rund einem Jahr steigt der effektive Arbeitspreis im Schnitt um 13 Cent pro Kilowattstunde (kWh) an.
Bei 75 % der Stromverträge in Deutschland erhöht sich der Preis.
Haushalte ohne Wechsel zahlen dann im Jahr durchschnittlich 304 Euro mehr bei wettbewerblichen Anbietern und sogar bis zu 492 Euro, wenn sie in der Grundversorgung sind. Das sind Summen, die vielen Menschen im Alltag spürbar fehlen – beim Wocheneinkauf, bei der Miete oder bei unerwarteten Ausgaben. Und das eigentlich Erschreckende ist: Viele Betroffene bemerken diese Mehrkosten nicht einmal, da Preisanpassungen zum Beispiel geschickt im Informationsschreiben versteckt werden.
Warum die Grundversorgung oft teurer ist als gedacht
2025 befanden sich 23 % der Haushalte in der Grundversorgung. Das passiert zum Beispiel:
● beim Einzug in eine neue Wohnung, wenn du keinen Tarif abgeschlossen hast
● wenn ein gewerblicher Anbieter kündigt oder insolvent geht
Die Grundversorgung ist eigentlich als Sicherheitsnetz gedacht. Sie garantiert, dass jederzeit Strom fließt, auch wenn man keinen aktiven Vertrag abgeschlossen hat. Im Alltag wird sie für viele Haushalte aber zum Standardtarif. Und genau da wird es teuer.
Denn während Anbieter im Wettbewerb oft zumindest mit günstigen Einstiegspreisen werben, gehört die Grundversorgung von Tag eins an zu den teuersten Stromtarifen im Markt. Von den 11 Milliarden Euro, die Bestandkund*innen in Deutschland 2025 aufgrund steigender Vertragspreise zu viel zahlten, entfallen 4 Milliarden Euro auf Kund*innen in der Grundversorgung. Im März 2026 liegt der durchschnittliche Arbeitspreis in der Grundversorgung bei rund 40,41 Cent pro kWh – und damit deutlich über den meisten wettbewerblichen Tarifen.
Warum der Strommarkt ständige Aufmerksamkeit verlangt
Strom gehört zu den Dingen, ohne die das Leben nicht funktioniert. Viele Haushalte setzen daher auf eine verlässliche und konstante Stromversorgung und wechseln ihren Vertrag nur selten.
Der heutige Strommarkt verlangt jedoch oft das Gegenteil: Viele günstige Preise gelten nur für neue Verträge oder für einen begrenzten Zeitraum. Wer dauerhaft preiswerten Strom beziehen will, wird vom Markt regelrecht zu Aufmerksamkeit gezwungen: Tarife vergleichen, Vertragsbedingungen prüfen und Fristen im Blick behalten. Das kostet im Alltag vor allem eins: wertvolle Zeit.
Laut unserer Studie haben 82 % der Stromkund*innen im Jahr 2025 ihren Anbieter nicht gewechselt. Aber woran genau liegt das? Die Gründe dafür sind so nachvollziehbar wie vielfältig:
Kommunikation: Anbieter kommunizieren die Preiserhöhungen oftmals verklausuliert und möglichst unauffällig, was es für Kund*innen schwierig macht, rechtzeitig zu reagieren.
Komplexität: Zu viele Tarife, zu viele Details – Bonusangebote, befristete Preisbindungen und außerplanmäßige Anpassungen erschweren die Tarifwahl.
Unsicherheit: Mache Kund*innen haben Sorge vor Versorgungsunterbrechung oder versteckten Kosten.
Vertrauen in die „Großen“ am Markt: Vor allem Grundversorger sind meist etablierte, regionale Unternehmen, wie die Stadtwerke. Das schafft vermeintliche Sicherheit.
Du siehst: Vermeintliche Kundentreue führt bei den meisten Tarifen zu höheren Preisen. Um Geld zu sparen, ist aktives Handeln also der erste Schritt.
Das kannst du jetzt tun
Um dich gegen steigende Bestandskundenpreise zu wehren, hast du oft nur eine Option: den Stromvertrag zu wechseln. Falls du dir noch unsicher bist, reicht oft schon ein kurzer Tarifcheck:
1. Schau dir deinen Arbeitspreis an.
Der wichtigste Wert auf deiner Stromrechnung ist der Arbeitspreis pro kWh. Liegt er deutlich über aktuellen Marktpreisen, lohnt sich ein genauerer Blick auf Alternativen.
2. Prüfe deinen Tarif einmal im Jahr.
75 % der Stromverträge werden nach dem ersten Vertragsjahr teurer, wie unsere Studie zeigt. Wer seinen Tarif regelmäßig überprüft, bemerkt solche Preisanpassungen schneller und kann rechtzeitig reagieren.
3. Lass dich von komplizierten Preisbestandteilen nicht abschrecken.
Grundpreis, Arbeitspreis, Umlagen, Messstellenbetrieb – Stromrechnungen wirken oft unnötig kompliziert. Am Ende zählt aber vor allem der effektive Preis pro kWh.
4. Augen auf bei der Stromanbieterwahl
Wähle einen Stromanbieter, der Bestandskund*innen genauso fair behandelt wie Neukund:innen und nicht erst mit günstigen Lockangeboten wirbt, um später die Preise zu erhöhen. Informiere dich deshalb genau über die Konditionen eines Stromvertrags, bevor du unterschreibst. Ein Blick auf Trustpilot oder Google-Bewertungen kann hier ein echter Augenöffner sein.
5. Keine Angst vor einem Wechsel!
Die Stromversorgung bleibt immer gesichert. Selbst wenn ein Anbieter ausfällt, springt automatisch die Grundversorgung ein. Der neue Anbieter übernimmt meist auch die Kündigung beim alten Versorger.
Unser Tipp: Der FairFive Stromtarif
Mit FairFive musst du nicht jedes Jahr deinen Stromvertrag wechseln. Wir kümmern uns um die Kündigung bei deinem alten Anbieter.
Dein Preis wird regelmäßig geprüft. Ist ein besserer Tarif möglich, bekommst du die Differenz einmal im Jahr als Bonus – bis zu fünf Jahre lang.
Dein Strompreis hat sich auch erhöht?
Sende uns dein Preisanpassungsschreiben und hilf uns dabei, mit deiner Rechnung unfaire Strompreiserhöhungen aufzudecken.
Wir fordern: Mehr Verbraucherschutz und Transparenz
Die steigenden Kosten für Bestandskund*innen sind nicht nur ein individuelles Thema – es ist vor allem eine Frage der Marktstruktur. Aus unserer Sicht braucht es vor allem mehr Klarheit und bessere Rahmenbedingungen für jede*n von uns:
Preisdeckel zur Verhinderung exzessiver Strompreise: Ein klar definierter Höchstpreis verhindert unverhältnismäßig hohe Tarife für treue Bestandskund*innen, ohne den Wettbewerb auszuschalten. Anbieter haben weiterhin tarifliche Freiheit, jedoch innerhalb fairer Grenzen und nicht auf Kosten einzelner Kundengruppen. Das entspricht dem Kern der Sozialen Marktwirtschaft.
transparente Informationen zu Preisanpassungen: Fehlende oder nicht klare verständliche Informationen erschweren den Wettbewerb, schwächen den Verbraucherschutz und begünstigen systematische Preissteigerungen. Anbieter sollten Preiserhöhungen deshalb verständlich begründen und frühzeitig kommunizieren.
mehr Durchsichtigkeit bei Preisbestandteilen: Stromrechnungen sollten auf einen Blick zeigen, wie sich der Endpreis zusammensetzt und warum er sich verändert hat.
mehr Transparenz bei Rechnungen: Der aktuelle Neukundenpreis des gewählten Tarifs sollte auf jeder Stromrechnung erkennbar sein.
einfachere Vergleichbarkeit von Tarifen: Standardisierte Angaben zum effektiven Arbeitspreis und zu Laufzeitbedingungen würden den Markt übersichtlicher machen.
regelmäßige Überprüfung der Treuestrafe durch die Bundesnetzagentur: Preisunterschiede zwischen Neu- und Bestandskund*innen sollten systematisch erfasst und veröffentlicht werden.
Das Ziel: ein Strommarkt, der für alle Verbraucher*innen funktioniert – nicht nur für die, die ständig optimieren. Dafür müssen Preise transparent sein und Vertragsbedingungen fair und nachvollziehbar. Stromkund*innen dürfen nicht mehr bezahlen, nur weil sie nicht jedes Jahr den Anbieter wechseln. Und: Wettbewerb darf kein Spiel für Profis sein. Er muss spürbar entlasten – für alle, nicht nur für eine gut informierte Minderheit.
Wir von Octopus Energy werden deshalb nicht müde, uns genau dafür einzusetzen: für echte Transparenz, faire Preise und einen Wettbewerb, der Verbraucher*innen schützt, anstatt sie auszutricksen.
Veronika Gott
Marketing











